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TVET System im Wandel . Der Weg ins Übermorgenland?

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Im Frühjahr 2016 hat der junge saudische Kronprinz Mohammed bin Salman seine Vision von der Zukunft seines Landes entwickelt. Mit der Vision 2030 sollte das grösste Land der Arabischen Halbinsel sowohl gesellschaftlich geöffnet wie auch die bis heute zu über 95 Prozent auf der Förderung von Erdöl basierenden Wirtschaft diversifiziert werden. Mohammed bin Salman forderte mit der neuen Regierungspolitik von seinen Landsleuten einen gewaltigen Veränderungsprozess, der die Menschen im Land auch ganz persönlich traf.

Saudi Education System

Die Vision 2030[1] und der National Transformation Plan[2] markieren die strategische Schlüsselentscheidung der saudischen Regierung für die künftige Entwicklung des Landes. Die Vision 2030 als strategische Zielausrichtung für den Umbau der gesamten Wirtschaft & Gesellschaft Saudi-Arabiens hat für die Jugendlichen zwei zentrale Begriffe: fördern und fordern. König Salman bin Abdulaziz machte bei der Vorstellung der Vision 2030 im Frühjahr 2016 deutlich, dass jeder Bürger das Risiko des Wandels der Gesellschaft teilt und im Gegenzug eine qualitativ hochwertige, vielseitige Ausbildung erhält. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Plans ist die Verbesserung der Berufsbildung als Einstieg in den Arbeitsmarkt parallel zur universitären Ausbildung: „Wir werden auch die Berufsbildung ausbauen, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.

Der König gab sein Versprechen, den Berufsbildungssektor zu einem qualitativ hochwertigen Teil des Bildungsbereiches zu machen, der auf internationalen Standards basiert und so für die Absolventen attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten gewährleistet. Eine Berufsausbildung soll hier nicht mehr eine Sackgasse in der persönlichen Entwicklung sein, sondern diese vorantreiben neben der universitären Ausbildung.

Our ambition is for the long term. It goes beyond replenishing sources of income that have weakened or preserving what we have already achieved. We are determined to build a thriving country in which all citizens can fulfill their dreams, hopes and ambitions. Therefore, we will not rest until our nation is a leader in providing opportunities for all through education and training, and high-quality services such as employment initiatives, health, housing, and entertainment.

Kronprinz Mohammed bin Salman bin Abdulaziz

Das Vorbild für den Berufsbildungssektor bildet das deutsche Duale Modell aus schulischer und betrieblicher Ausbildung. Bereits 2013 erstellten die saudische Berufsbildungsbehörde (TVTC) und das ehemals zuständige Arbeitsministerium zusammen mit College of Excellence einen strategischen Plan für den Aufbau des gesamten Berufsbildungssystems im Land. Und schon 2009 wurde mit der Errichtung des Technical Trainers College in Riyadh die Voraussetzung geschaffen, dass an den Berufsbildungseinrichtungen des Landes verstärkt Saudis zum Einsatz kommen und die hohe Zahl von ausländischer (und gleichzeitig auch nur beschränkt für den Berufs des Lehrers ausgebildeten) Lehrkräfte zu ersetzen.

 

Arbeitsmarkt Saudi Arabien

Ein wichtiger Faktor ist die Neugestaltung des Arbeitsmarktes. Noch immer ist der Privatsektor von Ausländern dominiert, während der staatliche Bereich hoffnungslos überbesetzt ist. Wer im Staatssektor arbeitet, hatte ausgesorgt und erhielt bereits sehr früh eine Rente, die ein auskömmliches Leben ermöglichte.

Im Privatsektor war die Quote von saudischen Arbeitskräften jedoch weit unter 30 Prozent und auch hier hatten viele Firmen Saudis nur deshalb angestellt, um gewisse Mindestquoten für die Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen zu erlangen. Der Gehaltsscheck wurde monatlich ausgestellt, ohne dass eine Gegenleistung erwartet wurde. Die Unternehmen glaubten nicht an die Qualifikationen, die die Bewerber vorzugeben gaben aber im realen Leben scheiterten. Der Anteil von Frauen beträgt 4 Prozent, während innerhalb der saudischen Workforce der Anteil weiblicher Beschäftigter noch um einen Prozent niedriger ist als generell unter den Beschäftigten im produzierenden Sektor.

Mit der Vorstellung des National Transformation Plan 2020 im Frühsommer 2016, der die Vision 2030 für den Wirtschaftssektor konkretisieren sollte, sagte das Arbeitsministerium in Riyadh auch der verdeckten Arbeitslosigkeit den Kampf an. Die bisherige Praxis, saudische Arbeitskräfte nur pro-forma anzustellen vor dem Hintergrund der Erfüllung von der Saudization, war nicht mehr zulässig und wurde mit hohen Strafen belegt.

Ziel war es am Ende, eine echte Saudization der Wirtschaft zu erreichen. Der Regierung ging es hier jedoch nicht nur darum, dass ihre eigenen Staatsangehörigen Managementpositionen besetzen, sondern sie in die betrieblichen Abläufe auf allen Ebenen eingebunden sind. Auch hier bedeutete dies einen Kulturwandel, denn der Gang in die Privatwirtschaft war mit dem Anspruch verbunden Managementpositionen zu begleiten.

Verteilung Saudis / Non-Saudis im Produzierenden Bereich (2017)

Der Anteil der saudischen Mitarbeiter in der Privatwirtschaft ist zwar in den vergangenen fünf Jahren leicht gestiegen. Dies ist jedoch auf die einigermassen misslungenen Versuche einer Saudisierung mit der Brechstange, wie im Telekommunikationssektor, zurückzuführen. Ein wirklicher Anstieg des Anteils der saudischen Beschäftigten war damit jedoch nicht verknüpft.

Historical and Targeted Unemployment Rate for Saudis (2014-2020)

Die Vision 2030 hat das Ziel, die direkte und verdeckte Arbeitslosigkeit deutlich zu verringern. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Qualität und Leistungsfähigkeit deutlich ansteigt.

 

Berufsbildung in Saudi Arabien

Berufsbildung hat in Saudi-Arabien, wie auch in den Nachbarländern, keine lange Tradition und Ansehen. Bei einer saudischen Bevölkerung von rund 27 Millionen und eine Alterspyramide, die mehr als 50 Prozent der Landesbevölkerung als unter 30 Jahren registriert, existieren lediglich 176 staatliche Einrichtungen der Berufsbildung (Table 1) mit rund 50.000 Ausbildungsplätzen. Allein in München bestehen mehr als 50 städtische Berufsschulen für eine Bevölkerung von 1.4 Millionen Einwohnern, was bereits von der Relation her zeigt dass auch der saudische Staat die Investitionen in diesen Bereich deutlich vernachlässigt hat.

Table 1 Berufsbildungseinrichtungen (TVTC) in Saudi Arabien[3]

Type of institution Education level Number of institutions
Colleges of Technology (male) Upper Secondary 52
Colleges of Technology (female) Upper Secondary 36
Strategic Partnership Institutes Upper Secondary 24
Industrial Secondary Institutes Lower Secondary 64

Bereits heute kombiniert die berufliche Bildung die praktische und theoretische Ausbildung. Anders als nach dem klassischen Vorbild der beruflichen Bildung findet die praktische Ausbildung jedoch innerhalb der Bildungseinrichtungen anstatt in den Betrieben statt. Zu kurz kommt bei diesem Model die Ausbildung an einem modernen Maschinenpark und die Einbindung in betriebliche Abläufe. Dabei hat die TVTC es aber auch versäumt, das Equipment permanent dem neuesten Stand anzupassen und so nicht nur die Lehrpläne, sondern auch die Einrichtungen veralten lassen.

Geichzeitig bestehen neben den staatlichen Einrichtungen noch zahlreiche private Einrichtungen, die regelmässig an betriebliche Organisationen unmittelbar angebunden sind. Diese bedürfen zwar der staatlichen Zulassung und unterliegen im Grunde auch den Lehrplänen der TVTC. Gleichzeitig haben sie jedoch einen Weg gefunden, in vielen Fällen hiervon abzuweichen und einen eigenen Weg zu gehen, der sich an den betrieblichen Erfordernissen der Trägerorganisation orientiert.

Bis heute zählt eine Ausbildung an einer der zahlreichen Universitäten im Land und im Ausland deutlich mehr. Dies liegt auch darin begründet, dass für sogenannte niederen Tätigkeiten Ausländer aus Asien ins Land geholt wurden.

 

Erste Veränderungen im Berufsbildungssektor

Dass dies kein Model für die Zukunft war, hatte die Regierung bereits unter König Abdullah erkannt. Zwar gab es einen Berufsbildungssektor, der Output war aber derart miserabel, dass niemand die Absolventen einstellen wollte. Auch hier dominierte dann der Staatssektor und mehr als 50 Prozent der Absolventen zog es zum Militär.

Aber es fehlte bereits an einheimischen Lehrern. 2009 entschloss sich daher die saudische Berufsbildungsbehörde (TVTC), mit der Errichtung des Technical Trainers College in Riyadh neue Wege zu gehen. Vorbild war das deutsche duale System und um überhaupt ein solches System etablieren zu können, sollten die Lehrkräfte auch gleich innerhalb dieses ausgebildet werden. Neu war aber auch, dass den zukünftigten Lehrkräften ein Set an didaktischem Methodenwissen mitgegeben wurde. Den Auftrag für die Entwicklung der Hochschule und den operativen Betrieb erhielt die deutsche GIZ, die bis 2016 im Land war. Insgesamt waren vier Colleges für Berufsschullehrer – jeweils zwei für Frauen und Männer – in der Planung.

Zwar entsprachen die Qualifikationen der Absolventen des TTC durchaus internationalen Standards, aber mit gerade einmal 200 Jahrgangsabsolventen war kein wirklicher Staat zu machen. Zu gross war der Nachholbedarf, denn es ging am Ende nicht nur darum die derzeitigen – häufig ausländischen – Lehrkräfte zu ersetzen, sondern den gewaltigen Bedarf an einer qualifizierten beruflichen Aus- und Weiterbildung zu decken. Um den Bedarf zu verdeutlichen: in einer Stadt wie Jeddah mit über 3 Millionen Einwohnern gab es gerade einmal zwei Secondary Industrial Institutes mit rund 2.000 Ausbildungsplätzen, die durch einige wenige private Angebote ergänzt wurden. Gleichzeitig beschränkte sich die Berufsausbildung auf reine technische Bereiche.

 

Ruf nach Internationalisierung

Der Weg war auch der saudischen Regierung zu langsam, denn die immer stärker anwachsende Zahl von Jugendlichen ohne berufliche Perspektive war ein gewaltiges Pulverfass. Auch wenn der Arab Spring in Saudi Arabien keinen Nachhalt gefunden hat, so war der Regierung das Risiko durchaus bewusst welches aus der immer selbstbewusster auftretenden Jugend für das Haus Al Saud und den Machterhalt herrühren konnte.

Mit der Gründung von College of Excellen im Jahr 2013 wollte man deshalb einen vollkommen neuen Weg gehen. Man suchte internationale Anbieter aus den OECD Ländern, die im ganzen Land verteilte Colleges betrieben. Die gesamte Verantwortung wurde für die Entwicklung der Curricula und den Lehrbetrieb wurde ihnen übertragen. Gesteuert werden sollten sie durch sogenannte KPI’s.

Hier lag jedoch bereits mehrfach die Ursache des Scheiterns dieses Systems in den so entwickelten Grundlagen. Diese waren von McKinnsey entwickelt worden, die in ihrer Philosophie ausschliesslich nach wirtschaftlichen Kennzahlen orientiert sind und im Bildungssektor keine Erfahrung haben. McKinnsey und die saudische Regierung glaubte, Erfahrungen aus dem produzierenden Sektor 1:1 auf den Bildungssektor übertragen zu können. Zwar wurde eine Basisvergütung für die Provider vereinbart. Der erfolgsabhängige Teil der Vergütung orientierte sich jedoch an Faktoren, die die Colleges gar nicht in der Hand hatten: Anwesenheit der Studenten, finden eines Jobs nach der Graduation und die Ergebnisse. In Kombination mit den katastrophalen Vorkenntnis der Studenten aus dem allgemeinen Bildungsbereich insbesondere in den MINT-Fächern war das System damit zum Scheitern verurteilt und die Anbieter zogen sich nach und nach aus dem Geschäft wieder zurück.

Ein anderer Fehler war die fehlende inhaltliche Vorgabe. Zwar gibt es auch in Saudi Arabien sogenannte National Occucupational Skill Standards (NOSS). Diese galten jedoch ebensowenig wie die veralteten Lehrpläne für die TVTC eigenen Colleges. Alle Anbieter brachten so ihr eigenes Curriculum mit und war gleichzeitig gezwungen, die Leistungsanforderungen deutlich nach unten zu schrauben, um überhaupt in die Nähe der Erfüllbarkeit der Performancefaktoren zu gelangen.

Auch aufgrund der Kosten zog College of Excellence viel Kritik auf sich. Den die waren immens mit rund 100 Millionen EUR jährlich bei einem doch recht bescheidenen Output.

 

Capacity Building Program und die Vision 2030

Neben den CoE-Colleges blieben jedoch immer noch die Colleges, die unter der direkten Verantwortung der TVTC standen. Bereits 2015 gab es erste Überlegungen, mit einem sogenannten Capacity Building Program die Qualität der Ausbildung an den Colleges of Technology and den Secondary Industrial Institutes deutlich zu steigern. Viel zu wenig war die Industrie mit den Absolventen zufrieden. Nicht nur die Lehrpläne waren veraltet, sondern auch die Leistungen der Absolventen waren waren in den Grundlagenfächern wie auch in der Fähigkeit, Inhalte selbstständig zu erarbeiten, zu gering für eine leistungsfähige Industrie.

Einen neuen Schub hat die Entwicklung des Berufsbildungsbereiches jedoch durch die Vision 2030 des Kronprinzen Mohammed bin Salman erhalten. Die im Frühjahr veröffentliche langfristige Strategie zur Diversifizierung des Landes hatte auch die berufliche Bildung als ein Schlüsselfaktor für die Abwendung von der Öl-Industrie im Blick. Das Ziel war klar: den staatlichen Sektor entlasten und den privaten Sektor für die einheimische Bevölkerung zu öffnen. Den noch immer herrscht ein grosses Ungleichgewicht in der Privatindustrie, wo nur maximal 30 Prozent der Beschäftigten saudische Staatsangehörige sind.

Für die TVTC Berufsbildungsinstitute bedeutete dies, dass ihnen ein radikaler Wandel bevorsteht. Sie sollen weg von der alten Maschinerie, dass die Abschlüsse zwar anerkannt, aber im Ergebnis aufgrund der fehlenden Praxisorientierung wenig Wert sind. Hinzu kommt, dass die Einrichtungen ausschliesslich die technische Qualifikation vermitteln, nicht jedoch grundlegende kaufmännische Qualifikationen, wie sie in der dualen Ausbildung heute auch im technischen Bereich Standard sind. Hier soll bislang auch eine Überforderung vorgebeugt werden, die bereits in einfach technischen Bereichen jetzt besteht.

 

Probleme in beiden Systemen

Dabei bestehen in beiden Systemen grundsätzliche Unzulänglichkeiten. Aus dem CoE Programm haben sich zwischenzeitlich zahlreiche Anbieter wieder zurückgezogen, weil die wirtschaftlichen Zahlen nicht erreichbar sind.

Das zentrale Problem für beide Systeme besteht jedoch in der Ausgangsbasis. Die Bewerber aus dem saudischen Bildungssystem erfüllen in vielen Bereichen nicht die Grundvoraussetzungen, um an einer höheren Lehranstalt sich zu qualifizieren. Die MINT-Qualifikationen sind faktisch nicht vorhanden und eine Folge der mangelnden Grundbildung. Diese Defizite aus der Primary Stufe konnten auch in der ersten Secondary Stufe nicht aufgearbeitet werden.

Gleichzeitig entspricht aber auch die Lehrerqualifizierung auf allen Ebenen nicht den Standards. Lange Zeit waren die Lehrkräfte Ausländer, die erst in den vergangenen Jahren durch Einheimische ersetzt wurden. Zwar besitzen sie eine fachliche Qualifikation. Ihnen fehlt jedoch eine pädagogische Qualifikation, um m mit den Schülern umgehen zu können. Der Frontalunterricht dominiert deshalb noch immer in den saudischen Schulen, ohne dass die Schüler selbst in das Geschehen einbezogen werden.

Neben diesen exogenen Faktoren gibt es jedoch auch Ursachen, die TVTC und CoE inhärent sind. Für die CoE Provider galten neben der technischen Vorgabe des Ausbildungsganges keine Vorgaben zum Inhalt der Ausbildung. Dafür gab es Performance Indicators als Teil der Kompensation, die für die Provider faktisch nicht beeinflussbar waren. Dadurch fehlte es an zwei Ansprüchen: der Qualität der Lehrer und der nachhaltigen Entwicklung der Lehre.

  • Die fehlende Messbarkeit der Qualität der Lehrpläne und der Abschlüsse macht es schwierig, sie zu vergleichen – innerhalb des Landes mit den Abschlüssen anderer Institutionen als auch gegenüber den durchaus existierenden National Occupational Skill Standards. Da die Institute auch nicht verpflichtet waren, sich einer anerkannten Akkreditierung zu unterwerfen, fehlte auch Absicherung der Prozesse in der Entwicklung der Lehre, so dass die Bewertung vollkommen im luftleeren Raum ging.
  • Stattdessen wurden die Institute gemessen an den Quoten der Anwesenheit oder dem Zugang zum Arbeitsmarkt gemessen. Einerseits sind diese Parameter kein Ausdruck für die inhaltliche Qualität der Ausbildung und bereits deshalb problematisch. Sondern auch konnten die Institute diese Parameter nur bedingt beeinflussen. So hängt der Eintritt in den Arbeitsmarkt von zahlreichen Faktoren ab, die die Ausbildungseinrichtung nicht in ihrer eigenen Hand hat.

Im Gegensatz zu den CoE-Colleges zeichnet die Colleges der TVTC eine enge Kontrolle durch die TVTC Zentrale in Riyadh aus. Sie sind gebunden an die Lehrpläne, die über 20 Jahre alt sind und gleichzeitig keinen Kontakt zur Industrie zulassen. Mit der Streichung des On the Job-Training im letzten Semester wurde auch der letzte Kontakt zur Industrie und damit eine Möglichkeit der Rückkopplung abgeschafft.

Aber auch das Capacity Programm, welches die TVTC Colleges eigentlich auf internationales Niveau hieven sollte, krankt und eine der zentralen Ursachen liegt in CoE. Zu viele Berater geben sich im Riyadher Granada Business Park die Klinke in die Hand, die sich gleichzeitig noch selber kontrollieren. Die Krankheit der CoE-Systems hat seine Ursache in McKinsey, die das Management zu Beginn beraten haben und von Bildungsgestaltung keinen wirklichen Bezug haben. Zwischenzeitlich wurde McKinnsey durch KPMG ersetzt, ohne das dieses Grundproblem behoben wurde. Beide Beratungsunternehmen sind getrieben durch leicht messbare Zahlen, die sich jedoch nicht in der komplizierten Materie der Berufsbildung, noch dazu in Saudi-Arabien, wiederfinden.

Innerhalb von drei Jahren wurden durch die Colleges zahlreiche Beratungsunternehmen, manche auch mit einem Hintergrund im Bildungsbereich, durch die saudischen Colleges gejagt. Die ersten Ideen und der erste Tender zu dem Projekt wurde durch Colleges of Excellence bereits 2016 herausgegeben. Der Tender – Request of Interest – wurde dann jedoch zurückgezogen. Die Mitarbeiter der Colleges sind der vielen Berater zwischenzeitlich müde und wollen Resultate sehen. Gleichzeitig gerät CoE immer stärker in die Kritik aufgrund der vielen Millionen SAR, die hier versenkt wurden ohne dass es ein Ergebnis gibt.

 

Übermorgenland?

Träumten viele Saudis vor einiger Zeit noch den Traum, dass ihr Land das modernste Land sei und man auf Dauer so weitermachen könne. Nur wenige ahnten, dass die Ölreserven endlich sind und der Reichtum des Landes genau davon abhängig war. Seit 2015 hat hier ein Umdenken eingesetzt und es wird mehr auf Qualität als auf Quantität geachtet.

Die Vision 2030 hat für den Berufsmarkt im Land neue Standards gesetzt. Aber das Problem ist wesentlich grundsätzlicher und muss bereits in Kindergarten und Grundschule ansetzen. Die derzeitigen Programme zur Berufsbildung werden innerhalb der Bildungsadministration noch zu stark isoliert betrachtet und nicht mit der Reform des Bildungssektors insgesamt verknüpft. Darüberhinaus ist der Anspruch, in einem Schritt von einem sehr niedrigen Niveau zu einem internationalem Standard zu gelangen, zu überambitioniert.

Dabei sollte aus die Regierung eigentlich aus der jüngsten Vergangenheit gelernt haben. Die Saudisierung des Telekomssektors 2016 war nur vordergründig ein Erfolg. Es zeigte sich sehr schnell, dass in einem halben Jahr die Versäumnis von 50 Jahren nicht nachhaltig aufgearbeitet werden können. Im Hintergrund werden die Arbeiten weiterhin von Ausländern wahrgenommen und im Vordergrund ist die Servicequalität aufgrund mangelnder Ausbildung massiv gesunken.

Die Limitierung des Programms auf 3-5 Jahre ist deshalb zu kurz gegriffen und greift die Verhältnisse vor Ort zu wenig auf. Es ist ein Programm, welches von Unternehmensberatungen nach rein wirtschaftlichen Kriterien kreiert wurde, jedoch die handelnden Personen – Lehrer und Studenten – ausser acht lässt, die die Hauptarbeit des Changes leisten müssen.

Es wird daher auf dem Weg in das Übermorgenland noch zahlreiche Anpassungen geben müssen.

[1]     https://vision2030.gov.sa/en.

[2]     https://vision2030.gov.sa/en/ntp.

[3]   UNESCO-UNEVOC, TVET Country Profile . Saudi Arabie, February 2019 (https://unevoc.unesco.org/wtdb/worldtvetdatabase_sau_en.pdf), p. 4.

Hillary Clinton – Die Teflon-Kandidatin

Die Woche ist für Hillary Clinton gut gelaufen. Zunächst hatte ihr Vielleicht-Doch-Gegenkandidat Joe Bidden bekannt gegeben, dass er doch nicht nach Präsident der USA werden will und dann hatte sich Clinton auch noch einer Anhörung im House, der zweiten Kongresskammer, zu stellen. „Yoga hilft immer“, damit beendete die strahlende Kandidatin ihren Auftritt vor den Abgeordneten, die hier eigentlich nach der Email-Affäre vom Beginn des Jahres ein weiteres Mal am Zeug flicken wollten. Es ist ihnen nicht gelungen – dank Yoga.

Aus für Bidden

Lange war in D.C. spekuliert worden, ob der Vizepräsident im Alter von 72 Jahren und nach zwei gescheiterten Anläufen ein weiteres Mal für das höchste Staatsamt antritt. Bidden hatte, nach eingeweihten Berichten, von seinem Sohn auf dem Sterbebett die Aufforderung bekommen, noch einmal anzutreten. Beau Bidden war erst im Frühjahr an einer Krebserkrankung gestorben.

Der Vizepräsident hatte durch sein langes Zögern sich jedoch selbst bereits ins Aus geschossen. So fehlte er bei der ersten Fernsehdiskussion im September und verzichtete damit auf wichtige Wahlkampfzeiten – kostenfreien obendrein. Gleichzeitig hatte er bislang weder Spenden gesammelt noch einen entsprechenden Wahlkampfstab aufgebaut. Dies hätte sich spätestens in den ersten Vorwahlstaaten Iowa und New Hempshire gerächt und Bidden wäre aus dem Rennen gewesen. Denn hier werden die ersten wichtigen Schlachten geschlagen, die für die mediale Verwertung entscheidend sind.

Für Clinton klärte sich damit die Situation. Die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin sieht sich drei Gegenkandidaten gegenüber – Bidden wäre der vierte. Der nun aus dem Rennen gegangene Fast-Kandidat hätte ihr nicht mehr wirklich gefährlich werden, aber als erfahrener Fahrensmann des politischen Geschäfts einige Kopfschmerzen bereiten können. Dies ist nun abgewendet und es besteht für Clinton die Chance, dass sich Bidden auf ihre Seite schlägt.

Übrig bleibt lediglich Bernie Sanders, der Senator des New England-Staates Vermont. Sanders ist linksorientiert und dies ist für Clinton in den Vorwahlen eine massive Gefahr. Denn hier entscheiden eher die Ränder der Parteien über die Kandidaten, die eine höhere Mobilisierungsquote erreichen als der parteilische Mainstream. Die frühere First Lady kann sich nun auf ihren wichtigsten innerparteilischen Gegenkandidaten konzentrieren und dabei ihr durchaus vorhandenes linkes Profil heraus stellen. In der ersten demokratischen Fernsehdiskussion ist ihr dies hervorragend gelungen und als Siegerin vom Platz gegangen.

Affärengejagt … aber nicht erlegt

Clinton hatte das Phänomen bisher vollbracht, dass sie mit mehreren Affären im vergangenen Jahr konfrontiert war, ohne dass ihr dies wirklich geschadet hätte. Bislang ist dies noch keinem Kandidaten gelungen.

Die wohl gefährlichste Gegenattacke der Republicans war dabei die Email-Affäre. Die ehemalige Außenministerin konnte nicht wirklich erklären, warum sie dienstliche Emails über ihren privaten Server laufen ließ. Die Begründung „Bequemlichkeit“ ist eher dürftig zu nennen. Aber dennoch konnte sie sich als führende demokratische Kandidatin halten und bislang keinen Kratzer an ihrer Aura verzeichnen. Die Wähler haben es ihr durchgehen lassen – offenbar wohl auch, weil sie und ihre Ehemann immer noch die wichtigsten Zugpferde der Democrats sind. Präsident Obama kann dies nicht mehr sein, seine Kampagne „Yes. We can.“ ist verbraucht und die Beliebtheitswerte des Amtsinhabers unterirdisch.

Anders ist die Sache mit dem Angriff auf das Konsulat in Bengasi zu sehen. Diese Geschichte aus ihrer Zeit als Außenministerin ist emotionaler, da es sich hier um einen Angriff auf das Selbstverständnis der USA geht. Es liegt daher eher am Unvermögen der Republicans, dass die zahlreichen Untersuchungsausschüsse im Sande verliefen. Zu sehr ist Clinton die Hassfigur für die Grand Old Party, als dass sie sich abseits des politischen Klamauks um die wirklichen Fehler Clintons kümmern würden. Diese sind gering, denn als Außenministerin trug sie nicht die Verantwortung für das operative Sicherheitsmanagement. Und zudem war der Kontakt des Botschafters mit den libyschen Rebellen ausdrücklich gewünscht.

Um Ausschuss des House stritten sich am vergangenen Donnerstag dann die Abgeordneten untereinander und die Kandidatin der Democrats konnte sich entspannt lächelnd zurück lehnen. Clinton kommt ihren Pflichten auf Vorsprache nach, Lächelt und lässt die Anwürfe an sich abprallen. Die Schlüsse ziehen die Wähler selbst und Clinton kann sich wieder um die Inhalte ihrer Kampagne kümmern.

Es könnte klappen diesmal

Vor acht Jahren ist Clinton noch an Obama gescheitert. Diesmal aber könnte es klappen. Denn während die Republicans sich selbst zerfleischen und mit Donald Trump einen Kandidaten im Rennen haben, der hochpopulär, aber bei Partei-Establishment wenig gemocht ist, ist Clinton in ihrer Partei weitgehend konkurrenzlos. Mit mehr als 77 Millionen Dollar ist ihre Kriegskasse prall gefüllt.